Edukids Didaktisches Konzept

Zugrundeliegendes Didaktisches Modell

Dem dargestellten Schulungsprogramm liegt das bildungstheoretische Modell nach Wolfgang Klafki zugrunde. Wolfgang Klafki wurde 1927 in Augsburg geboren. Er ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und war bis 1992 Professor in Marburg. Die Ausgangsfrage in Klafkis bildungstheoretischem Modell ist die Frage: „ Welche Bedeutung haben die Inhalte der Kultur für die Bildung des Einzelnen?“ Im didaktischen Mittelpunkt steht die Didaktische Analyse des Bildungsinhaltes. Die Kernfrage, die die Lehrende vorüberlegen muss ist, ob der Inhalt für den einzelnen Empfänger von Bedeutung ist. Also welcher Bildungsaspekt steckt im Unterrichtsinhalt? Diese Herangehensweise hat sich im Zuge der Reformpädagogik 1963 entwickelt und beschäftigt sich im Kern mit der Frage: „ Hat es Sinn oder nicht?“.

Die Frage nach einer fruchtbaren Begegnung zwischen Lernenden und Lerngegenstand zielt auf die Legitimation des letzteren. Gegliedert ist die didaktische Analyse durch fünf Punkte, neben der Zugänglichkeit und thematischen Strukturierung, durch den zentralen Begriff der „Bedeutung“: Gegenwartsbedeutung, Zukunftsbedeutung und Exemplarischer Bedeutung.

1. Zugänglichkeit

»Die visuelle Sprache … wird aus dem weltweiten Bedürfnis der Menschen geboren, sich mit komplexen Ideen zu beschäftigen, die nur schwer mit Text alleine ausgedrückt werden können.«

Robert E. Horn

Visualisierung kann in vielfältiger Weise Lern-, Dialog- und Veränderungsprozesse unterstützen. Im Edukids Schulungsprogramm nutzen wir die eigens für das Programm angefertigten Illustrationen von Designerin Jenni O. Keppler um die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden für die verschiedenen Aspekte der Diabetestherapie in der Schule zu gewinnen. Je mehr Kanäle bzw. „Sinne“ bei der Informationsaufnahme gleichzeitig angesprochen werden, desto eher werden Informationen behalten. Die Sinnesorgane nehmen Informationen auf, die im Gehirn verarbeitet und gespeichert werden. Je nach Qualität der Informationen speichern wir diese im Kurz-, Ultrakurz- oder im Langzeitgedächtnis ab. Wie lange eine Information gespeichert wird, hängt nicht nur von deren Wichtigkeit ab, sondern zunächst davon, wie die Information überhaupt erst in das Gehirn gelangt ist. Bei der Wahrscheinlichkeit des Behaltens von Informationen werden unterschieden (Informationsaufnahme/Wahrscheinlichkeit des Behaltens): selbst machen 90%, nacherzählen bzw. erklären 70%, hören und sehen 50%, sehen 30 %, hören 20 %. Durch die Erklärung der Diabetesberater*innen, die Verstärkung durch die passgenauen Illustrationen, die praktischen Übungen mit Messgerät und Insulin Applikatoren, das Notieren der wichtigen Grenzwerte und nötigen Handlungen im Arbeitsbuch und die Sicherungen durch die Fallbeispiele wird ein optimaler Wissenstransfer vorbereitet. Eine Fähigkeit nimmt zu, wenn man sie immer wieder anwendet bzw. das Wissen festigt sich, wenn man dieses kontinuierlich vermehrt. Um dies zu gewährleisten, ist unter anderem eine gute und direkte Kommunikation mit den Erziehungsberechtigen notwendig und eine kontinuierliche Abstimmung der an der Betreuung beteiligten pädagogischen Fachkräfte.

2. Thematische Strukturierung

Auf der Grundlage des Wissens der pädagogischen Fachkräfte werden die biologischen Grundlagen des Kohlenhydratstoffwechsels und das Entstehen und die Auswirkungen von Diabetes mellitus Typ 1 besprochen. Nach der Differenzierung zum Diabetes mellitus Typ 2 wird die grundlegende Notwendigkeit der Insulintherapie und deren Anwendung in der Schule besprochen. Es folgen die Ernährungsempfehlungen. Auch hier wird auf das Vorwissen der pädagogischen Fachkräfte zurückgegriffen und Erfahrungen in der Betreuung von Kindern mit anderem sonderpädagogischen Förderbedarf berücksichtigt. Anhand des Schulablaufes und des Tageablaufs des Schülers werden exemplarisch Situationen wie Hypo- und Hyperglykämien und das Verhalten bei Sport besprochen. Die besprochenen Situationen werden inhaltlich nach Symptomen, Ursachen und Behandlung erörtert. Alle Teilnehmer*innen erhalten ein Arbeitsbuch. Im Verlauf des Seminars werden Grenzwerte und Empfehlungen dort notiert. Zu Ergebnissicherung werden verschiedene Fallbeispiele genutzt. Zum Abschluss, werden die gemeinsamen Ergebnisse inkl. aller grundlegenden Empfehlungen und Vereinbarungen im Formular „Diabetesplan“ zusammengefasst.

3. Exemplarische Bedeutung

Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland 15.600 bis 17.400 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 14 Jahren mit einem Typ-1-Diabetes (vgl. Rosenbauer et al. 2013 EK III). Gegenüber den frühen 1990er Jahren hat sich die Neuerkrankungsrate für 0-14 Jährige zwischenzeitlich verdoppelt und liegt aktuell bei 22,9 (vgl. Neu et al. 2013). Bei allen gängigen Therapieformen sind täglich mindestens vier Therapieinterventionen in Form von Blutzuckermessungen, Berechnen der Kohlenhydratmenge und Verabreichen des Insulins durch Pumpe, Spritze oder Pen notwendig. Diese Therapieinterventionen sind bei jeder Mahlzeit und ein Teil zusätzlich bei sportlicher Aktivität notwendig, in der Regel mindestens zweimal während des Schultages. Besonders problematisch ist dies kurz nach der Einschulung eines an Diabetes erkrankten Kindes. Denn der Betreuungsschlüssel nimmt von der Kindertagesstätte zur Schule sprunghaft ab. Durch die knappen personellen und strukturellen Ressourcen ist die uneingeschränkte Teilnahme an allen schulischen Aktivitäten u.a. von Kindern mit Diabetes mellitus gefährdet. Das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, Inklusion, d.h. Menschen mit Behinderungen die vollständige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, soll auch für die Bildung umgesetzt werden. Inklusion ist in der Gesellschaft ein langer Prozess, der in vielen Bereichen ein Umdenken aller Menschen erfordert. 

4. Gegenwartsbedeutung

Die Zielgruppe der pädagogischen Fachkräfte hat in aller Regel z.B. während der Ausbildung oder des Studiums, bereits an umfangreicher Wissensvermittlung in den Bereichen Ernährung, Anatomie und Physiologie partizipiert. Insbesondere diese Vorkenntnisse sollen aufgegriffen und wiederholt werden. Sie dienen als „Anschlussstelle“ für das Wissen um die Pathologie des Diabetes mellitus Typ 1 und die daraus resultierenden Verhaltens- und Betreuungsempfehlungen. Häufig haben die pädagogischen Fachkräfte auch außerhalb des schulischen Bereiches schon Berührungspunkte mit Menschen mit Diabetes mellitus. Allerdings aufgrund der Prävalenz, häufiger mit Diabetes mellitus Typ 2. Hier muss im Schulungsverlauf eine klare Differenzierung der beiden unterschiedlichen Krankheitsbilder und Therapieempfehlungen erarbeitet werden. Das gemeinsame Ziel von Schulen, Schulämtern, Eltern und pädagogischen Fachkräften ist für die Kinder ein optimales Lernen zu ermöglichen. Dieser gemeinsamen Zielstellung kann nur entsprochen werden, wenn Kinder mit Diabetes ihre gesundheitserhaltende Therapie auch in der Schule sicher umsetzen können.

5. Zukunftsbedeutung

Bisherige Klassenstrukturen mit überwiegend homogenen Lerngruppen werden im inklusiven Schulsystem bald der Vergangenheit angehören. Statt Kinder nach intellektuellen Fähigkeiten und Lernpotentialen zu trennen, entstehen heterogene Klassen, in denen die Vielfalt der individuellen Begabungen wertgeschätzt und als normal empfunden werden wird. Inklusive Bildung heißt unter anderem, dass alle Schülerinnen und Schüler ganzheitlich, d.h. mit all ihren Stärken, Schwächen und je individuellen Förderbedürfnissen wahrgenommen und akzeptiert werden sollen. Diese grundlegend veränderte Ausgangslage erfordert auch von den pädagogischen Fachkräften ein Basiswissen über den zusätzlichen Förderbedarf von Kinder mit Diabetes mellitus, um eine Unterrichtsteilnahme überhaupt ermöglichen zu können. Eine adäquate Behandlung des Typ 1 Diabetes ist bei Kindern in der Grundschule, unter Berücksichtigung der Schulpflicht, nur möglich, wenn die Schule als Institution und die pädagogischen Fachkräfte als Einzelpersonen die Kinder und deren Erziehungsberechtigte bei der Therapieumsetzung unterstützen. Bei ca. 20 bis 30 Unterrichtsstunden pro Woche, aufsteigend von Klasse eins bis sechs sind häufig eine bis fünf Therapieinterventionen exklusive Sport- oder Schwimmunterricht in der Begleitung durch geschultes Personal erforderlich. Erfolgt keine oder wenig Unterstützung ist gerade im Grundschulbereich, eine massive Überforderung und eine hohe Stressbelastung der an diabeteserkrankten Schüler zu befürchten und damit auch eine ungünstigere Prognose bezüglich HbA1c und Krankheitsakzeptanz (vgl. Evidenzbasierte Leitlinie-Psychosoziales und Diabetes mellitus, Hrsg. Deutsche Diabetes Gesellschaft und Deutsches Kollegium Psychosomatische Medizin, Stand Mai 2003, Herpertz et al.; Seite 8). Die daraus resultierenden physiologischen Folgen, wie verminderte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, können die schulische Laufbahn nachhaltig beeinflussen. Auch die psychosozialen Aspekte von nicht gelungener Inklusion des Kindes mit Diabetes mellitus Typ 1, kann die Lernmotivation zusätzlich mindern. Somit ist eine Unterstützung von Schülern bei der Diabetestherapie nicht nur für den Erkrankten selbst von hoher Bedeutung, sondern auch ein wichtiger sozioökonomischer Faktor.